Die Anamnese

10.06.2018

 

Irgendwann werden wir alle damit konfrontiert: Allerspätestens im PJ wird uns auf einmal eine dicke Akte in die Hand gedrückt und von uns erwartet, dass wir den Neuzugang auf Station aufnehmen können.

 

Glück hat, wer schon im Studium Kurse besuchen durfte, wie so eine Aufnahme eigentlich ablaufen sollte, welche Dinge in jede Anamnese reingehören und warum.

 

Für alle, die das aber noch nicht gelernt haben und bei ihrem ersten Patientengespräch nicht ins kalte Wasser fallen möchten, habe ich heute eine Schritt-für-Schritt-Anleitung erstellt, wie man eine strukturierte Anamnese durchführen kann, damit man in kurzer Zeit die relevantesten Informationen bekommt ohne etwas zu vergessen.

 

Warum die Anamnese so wichtig ist? Wird sie gut gemacht, führt sie in über 60% zur korrekten Diagnose! DAS kann keine bildgebende Untersuchung leisten.

 

Am Ende des Blogposts erwartet dich übrigens ein Freebie! Ich teile mit dir meine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte einer Anamnese, die ich mir im Studium erstellt und über die Jahre erweitert habe. Sie ist so konzipiert, dass man sie sich auf A6 ausdrucken und damit super in die Kitteltasche stecken kann.

 

Man hat sie so immer dabei und kann sie beim Patientengespräch einfach neben sich hinlegen und immer mal wieder drauflinsen, wenn man mal nicht weiter weiß. Sie ist sowohl für die Praxis als auch für das Krankenhaus geeignet.

 

Noch einmal eine kleine Anmerkung: Du findest in diesem Blogpost MEINE – für mich – beste Methode eine Anamnese durchzuführen. Diese habe ich mir aus verschiedenen Quellen zusammengeschrieben. Das heißt natürlich nicht, dass dies die einzige und die richtige Methode ist, eine gute Anamnese durchzuführen - Es ist nur eine von vielen Möglichkeiten 😊 Also, bereit? Dann lass uns loslegen!

 

 

 Bevor es an die eigentliche Anamnese geht, ist eine gute Vorbereitung super wichtig. Denn eine gute Anamnese beginnt schon vor der Anamnese.

 

Die erste Frage, die man sich stellen sollte, ist: Warum ist der Patient überhaupt da? Kommt er notfallmäßig mit einem akuten Problem oder sogar mit Termin zur Abklärung eines bestimmten Symptoms?

 

Der Einweisungsgrund vom Hausarzt auf dem Einweisungsschein kann hier manchmal schon einen ersten Hinweis geben. Auf dem Schein steht aber meistens nur ein erster Verdacht, dem Hausarzt stehen nämlich die diagnostischen Möglichkeiten des Krankenhauses garnicht zur Verfügung,  deshalb ist es wichtig den Patienten nochmal darüber zu befragen und zu untersuchen.

 

Wenn man Glück hat, ist der Hausarzt so gut organisiert, dass er eine Diagnosen-Liste und einen Medikamentenplan mitgeschickt hat, häufig ist es aber leider so, dass man den Befunden erstmal hinterhertelefonieren muss.

 

Ich persönlich lese mir zunächst alle Befunde durch, schreibe mir schon ein paar Diagnosen auf, auf die ich dann bei der Anamnese und der Untersuchung noch mal besonders Acht geben kann.

 

Hat der Patient zum Beispiel eine Aortenklappenstenose, weiß ich, dass ich wahrscheinlich ein Herzgeräusch hören werde und falle dann anschließend beim Auskultieren nicht aus allen Wolken und verunsichere den Patienten dadurch.

 

Es ist auch unglaublich wichtig, sich den Medikamentenplan genauer unter die Lupe zu nehmen und wirklich kritisch zu betrachten, welche Medikamente der Patient zu sich nimmt und welche er eigentlich braucht.

 

Ich bin der Meinung – und da stimmen mir auch die meisten Patienten zu (und hoffentlich du auch) – dass man als Arzt die Pflicht hat, den Patienten vor einer Übertherapie und vor allem vor einer sinnlosen Therapie zu schützen. Es ist keine Kunst, dem Patienten immer mehr Medikamente zu verschreiben. Es gehört aber einiges dazu, kritisch zu hinterfragen, welche dem Patienten wirklich nützen und welche eher schaden und sich dann zu trauen diese abzusetzen.

 

Es gibt übrigens auch Studien dazu, dass die Compliance des Patienten bei steigender Medikamentenzahl sinkt und zweitens das Interaktionspotenzial drastisch ansteigt, was wiederrum neue Symptome und auch Krankheiten (!) hervorrufen kann.

 

Auch die Diagnosen sollte man immer kritisch hinterfragen, übrigens auch seine Eigenen. Natürlich sollten wir uns untereinander gegenseitig vertrauen, wenn es jedoch um ein so wichtiges Thema wie Gesundheit geht, ist Kontrolle wirklich besser als Vertrauen, denn vier Augen sehen mehr als zwei.

 

Aber nun zurück zum eigentlichen Thema: der Anamnese.

 

Eine gute Anamnese beginnt damit, dass man sich erstmal mit Namen und Funktion vorstellt und dem Patienten mitteilt, dass man jetzt gerne ein Gespräch mit ihm führen würde, ihn danach noch untersucht, Blut abnimmt und eine Nadel legt.

 

Man muss IMMER im Hinterkopf haben, dass - egal aus welchem Grund der Patient kommt - er deshalb da ist, weil er einen Leidensdruck verspürt. Und dieser ist immerhin so groß, dass er glaubt Hilfe zu brauchen. Das geht natürlich immer mit einer gewissen Angst einher.

 

Und den Patienten an die Hand zu nehmen und ihm zu erklären, was mit ihm geschehen soll, ist schonmal eine erste Beruhigung.

 

Es gibt verschiedenste Meinungen, was man nun wie am besten fragt. Ich beginne immer mit: „Was führt sie zu uns?/Wie kann ich ihnen helfen?“. Damit schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe:

 

Erstens sind es offene Fragen, welche der Patient erstmal so ausführlich er möchte beantworten kann - das Gespräch kommt also in Gang. Zweitens finde ich damit schon einmal heraus, ob der Patient orientiert ist und wie viel er selbst versteht. Du wirst überrascht sein, wie viele  nicht wissen, warum sie jetzt eigentlich hier sind.

 

Ich schreibe mir dann erstmal alle aktuellen Symptome auf, die der Patient nennt. Zum Beispiel können das sein: Schmerzen, Luftnot, Übelkeit, Durchfall, Schwäche und so weiter. Und bei jedem dieser Symptome frage ich die sogenannten 8 Dimensionen ab: Wo, was, wie, wann, bisherige Therapie, zusätzliche Beschwerden, Grad der Behinderung und warum. Lass mich das am häufigen Beispiel „Schmerz“ erklären. Die Fragen würden dann ungefähr so lauten:

 

1. Wo liegt der Schmerz? Strahlt er aus? Diese Frage ist Goldwert und gibt bei sooo vielen Erkrankungen schon mal einen ersten Hinweis: rechter Unterbauch? Könnte eine Appendizitis sein! Linker Arm? Vielleicht ein Herzinfarkt?

 

2. Was für ein Schmerz? Ist er stechend, brennend, pochend, drückend? Brennend passt zu einer neuropathischen Genese, ein plötzlich einsetzender Vernichtungsschmerz wäre typisch für eine Aortendissektion.

 

3. Wie schlimm ist der Schmerz? Zum Beispiel auf einer Skala von 0-10. Damit findet man auch ein wenig heraus, wie empfindlich der Patient ist und wie gut die Schmerzmedikamente im Verlauf ansprechen.

 

4. Seit wann ist der Schmerz da und wie war der Verlauf? Wird es immer schlimmer, kam er ganz plötzlich oder ist er kolikartig, das heißt kommt er in Schüben?

 

5. Bisherige Therapieversuche: Hat schon etwas geholfen oder gibt es etwas, was die Symptome schlimmer macht?

 

6. Zusätzliche Beschwerden? Zum Beispiel Übelkeit, Erbrechen etc.?

 

7. Grad der Behinderung im Alltag? Kann sich der Patient zum Beispiel überhaupt nicht mehr alleine versorgen, wäre es wichtig den Sozialdienst einzuschalten und einen Pflegedienst zu organisieren.

 

8. Warum? Woher glaubt der Patient kommen seine Beschwerden?

 

Ich weiß, das klingt jetzt nach einem ziemlichen Zeitaufwand. Genau so soll es aber auch sein.

 

Macht man am Anfang eine gründliche Anamnese, spart man sich dafür viele Scherereien im Verlauf. Außerdem ist es so, dass man am Anfang einfach sehr viel Zeit für eine Anamnese und eine körperliche Untersuchung aufwenden muss, da man eben noch keine Erfahrung und damit keine Routine hat.

 

Doch keine Sorge: Wie bei fast allen Dingen in der Medizin ist es so, dass, je öfter du eine Anamnese durchführst, desto mehr wirst du merken, worauf du besondere Acht geben musst und natürlich auch welche Fragen deinem Ober- und Chefarzt wichtig sind und wirst damit weniger Zeit benötigen.

 

 

Nach der aktuellen Anamnese folgt die vegetative Anamnese. Die wichtigsten Fragen sind hier die Fragen nach Allergien und nach den sogenannten B-Symptomen: Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß. Sie können auf eine maligne Erkrankung hindeuten und gehören in jede Anamnese.

 

Weitere wichtige Fragen sind die nach Atmung, Husten und Auswurf, Stuhlgang, Miktion, Schlaf und bei Frauen die Menses, Schwangerschaften, Geburtenanzahl und Menopause.

 

 

Anschließend kann man auch die Medikamentenliste zusammen mit dem Patienten durchgehen und ihn fragen, warum er diese einnimmt. Es ist enorm wichtig auch aktiv nach Nährstoffpräparaten, Naturheilmitteln etc. zu fragen, denn häufig können diese auch Auslöser von Symptomen sein.

 

Ein ganz klassisches Beispiel ist der Patient, welcher mit chronischen Durchfällen kommt, Labor, Stuhluntersuchungen und eine Darmspiegelung bekommt, bis jemand nach Nährstoffpräparaten fragt und herauskommt, dass er einfach nur seine Magnesiumtabletten im Überfluss konsumiert.

 

Es passt ganz gut, im Anschluss die Drogenanamnese durchzuführen. Trinkt der Patient Alkohol und wie viel? Raucht er und wenn ja, wie viele Zigaretten am Tag und seit wie vielen Jahren? Nimmt er noch andere Drogen?

 

 

Dann gehe ich meistens weiter zu den Vorerkrankungen und Operationen. Ich frage hier strukturiert alle Organsysteme von oben nach unten ab. Ist was an den Augen bekannt? Im HNO-Bereich? Schilddrüse?

 

Vielen Patienten fällt eine Erkrankung erst dann ein, wenn man sie spezifisch darauf anspricht. Eine besondere Rolle spielt hierbei auch immer der Impfstatus, besonders bei Kindern!

 

Zum Schluss noch ein seeehr wichtiger Punkt: die Familien und Sozialanamnese. Sind Erkrankungen in der Familie bekannt? Woran sind Vater und Mutter oder Geschwister gestorben?

 

Was macht der Patient beruflich? Hat er vielleicht eine Berufserkrankung? Ist er zufrieden? Hat er vielleicht ein Rentenbegehren?

 

War er zuletzt auf Reisen? Hat er sich vielleicht mit einer tropischen Krankheit angesteckt? Wohnt er alleine? Kann man ihn nach dem Krankenhaus wieder nach Hause entlassen oder braucht er eine Reha oder ein sogar einen Heimplatz?

 

Die Organisation eines Heimplatzes oder einer Reha kann dauern, deswegen lohnt es sich, diese schon so früh wie möglich zu beantragen und sich nicht erst am Tag vor der Entlassung darüber Gedanken zu machen, wie es weitergeht.

 

Und damit beende ich die Anamnese und gehe dann weiter zur körperlichen Untersuchung, dazu gibt es aber demnächst einen extra Blogpost!

 

Wenn dir mein Blogpost gefallen hat und du gerne meine Vorlage nutzen möchtest, kannst du sie dir hier als PDF-Datei runterladen. Natürlich kannst du dir auch deine Eigene erstellen. Ganz egal - wichtig ist, eine Struktur zu haben, an der man sich entlang hangeln kann, damit man keine relevanten Punkte vergisst. Falls du sie aber nutzt, würde ich mich total über dein Feedback freuen!

 


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